Erfahrung und Chinesische Medizin

Was bedeutet eigentlich Erfahrungsmedizin, wenn es um Chinesische Medizin geht?

Um diese Frage zu beantworten ist ein kleiner Einblick in die Geschichte Chinas und die medizinische Entwicklung notwendig. Im Vergleich alter chinesischer Bücher über Medizin mit heutige Lehrwerken zur chinesischen Medizin fällt auf, dass dort Krankheit anders beurteilt und behandelt wird. Die Erfahrung welche über die Jahrtausende gemacht wurden beeinflusste die Therapie maßgeblich. Eines dieser alten Grundlagenwerk der chinesischen Medizin ist das Huang Di Nei Jing (kurz. Neijing, 黄帝内經, ~ 200 v. Chr. ). Inwieweit sich das Verständnis von Krankheit und Therapie vom Neijing ausgehend entwickelt hat, soll dieser Artikel beleuchten.

Die Ursprünge des Neijing

China hatte um 200 v. Chr. eine lange Periode von Territorialkriegen hinter sich. Viele verschiedene Königreiche stritten um die Herrschaft über China. Während dieser Kriege kam es zu einigen wissenschaftlichen und philosophischen Entwicklungen, welche die chinesische Kultur bis heute prägen. So hat zum Beispiel der Daoismus und der Konfuzianismus seinen Ursprung in dieser Periode, genauso wie das bekannte Yin und Yang Zeichen (☯ ). Medizingeschichtlich war diese Zeitspanne eine Zeit der Volksheilkunde und Sagengestalten.

Das Königreich der Qin besiegte 221 v.Chr. die anderen Reiche und vereinigte China, wurde aber nach wenigen Jahren durch die Han-Dynastie abgelöst. Die Han-Dynastie war eine verhältnismäßig stabile Dynastie der chinesischen Geschichte. Gesellschaftliche Entwicklungen traten in den Vordergrund. Dies galt auch für die Medizin. Es wurden erste Schulen zur Ausbildung von Ärzten gegründet. Ferner wurden die Erfahrungen der Volksheilkunde gesammelt und verschriftlicht.

Das Buch Neijing entstand während dieser Zeitspanne. Es bietet einen großartigen Einblick in das Denken der damaligen Gelehrten. Die vorher angesprochenen geschichtlichen Umständen prägten dabei ganz wesentlich das Verständnis über Erkrankungen. Kräuterkundigen, Schamanen, reisende Akupunkteure und die sogenannten „gelehrten Ärzte“ stritten sich über die Ursachen von Krankheiten. In diesem Spannungsfeld der Meinungen entstand eben jenes Buch. Als Hauptursache für Erkrankungen wurden hier außerhalb des Menschen liegende Faktoren wie das Wetter (insbesondere Kälte) und Mangelernährung thematisiert. Aber auch Einflüsse durch Geister oder Nichtachtung der Ahnen spielten eine Rolle.

Tausend Jahre später

Innerhalb von annähernd tausend Jahren hatte sich die Gesellschaft und die Medizin in China weiterentwickelt. Während der Jin-Yuan Dynastie (1279 – 1368 n. Chr.) war China unter der Fremdherrschaft der Mongolen. Die kriegerische Eroberung der vorhergehenden Dynastie hatte massive Auswirkungen auf die damalige Bevölkerung. Ein großer Teil floh in den noch nicht besetzten Süden. Wie immer in solchen Zeiten herrschten Hungersnöte und Epidemien grassierten.

Nachdem die Herrschaft der Mongolen gefestigt war, versuchte die Regierung die Lage unter Kontrolle zu bringen. Dafür wurde die medizinische Ausbildung staatlich geregelt. Es gab Universitäten für Medizin und ein kaiserliches Büro veröffentlichte medizinische Bücher. Der Buchdruck half dabei Bücher in einer hohen Stückzahl zu produzieren und einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Auch die Diagnostik wurde standardisiert und entsprach damals schon der heutigen Diagnostik. Durch die Akademisierung bildeten sich ferner Spezialgebiete wie die Orthopädie heraus. Auch die Herstellung von Fertigarzneien wurde staatlich reguliert und gefördert. Alles diente dem Schutz vor Epidemien.

Einer der großen Ärzte dieser Dynastie

Während dieser Dynastie taten sich vier Ärzte besonders hervor, welche als die „vier Meister der Jin-Yuan“ bekannt sind. Sie entwickelten Teile der chinesischen Medizin weiter und eröffneten so den Weg, für das was heute als Traditionelle Chinesische Medizin gilt. Einer von Ihnen war der Arzt Li Dong Yuan ( 東垣, 1180 – 1251 n. Chr). Einen besonderen Stellenwert nahm bei ihm die Verdauung und die Ernährung ein. Er schreibt dazu ins seinem Buch „Abhandlung über Milz und Magen“ (Chin. Pi Wei Lun 脾胃論, 1249): „Solange der Magen Qi hat, gibt es Leben. Hat der Magen kein Qi, entsteht der Tod“. Moderner Ausgedrückt: „Solange der Mensch ausreichend isst und die so zugeführten Nährstoffe gut verwerten kann, ist es einem Erreger fast unmöglich Krankheiten hervorzurufen.“ Dies ist umso interessanter, wenn man sich vor Augen führt, dass Li Zeuge einer massiven Typhusepidemie war. Hierbei handelt es sich um eine schwerwiegende Infektion des Magendarmtraktes mit dem Bakterium Salmonella Typhi. Die Folgen der Erkrankung sind Durchfall und starke psychische Veränderungen.

Li sah die Ursache der Erkrankung dabei in einer Schwäche der Verdauungsorgane, welche durch falsche Ernährung und Stress verursacht wurde. Als Folge davon entsteht nach Li im Körperinneren Feuchtigkeit, welche zu Durchfall führt. Lis Augenmerk lag daher auf der Behandlung und Regulierung des Magen-Darm-Traktes mittels Kräuterrezepturen und Akupunktur.

Ein weiterer Zeitsprung in die heutige Zeit

Unter dem wissenschaftlichen Mikroskop muten die Ideen der Chinesischen Medizin manchmal abstrakt, wenn nicht gar esoterisch an. Zum Glück wird in China dazu trotzdem viel Forschung betrieben. Die Erfahrung der Jahrtausende wird somit kritisch beurteilt. So zum Beispiel um zu untersuchen, welchen Einfluss Feuchtigkeit und Nässe auf den Körper hat. Ein Krankheitsauslöser welcher schon vor tausend Jahren thematisiert wurde. Ein Beleg dafür ist der Arzt Li Dong Yuan, von welchem im vorherigen Abschnitt die Rede war. Exemplarisch sind hier zwei Studien zur Auswirkung von klimatischer Feuchtigkeit auf den menschlichen Körper aufgeführt:

Dr. Zhang Liu-Tong untersuchte drei Gruppen Versuchstiere die bei normaler Temperatur und Luftfeuchte, bei hoher Luftfeuchte und normaler Temperatur und bei niedriger Temperatur und normaler Luftfeuchte aufgezogen wurden. Das erstaunliche war, die Gruppe der Tiere im feuchten Klima zeigten eine deutliche Vermehrung bestimmter Bakterien im Darm. Dies zeigte sich in der Ausscheidung eines ungeformten, breiigen Stuhls. Diese Ergebnisse zeigten, das Nässe/Feuchtigkeit sich negativ auf Verdauung und Nahrungsabsorption auswirken kann.

Der Arzt Dr. Huang Zhi-Hong untersuchte Jahre später welche Schäden durch Nässe an einzelnen Organ verursacht werden. Er untersuchte dabei sechs Versuchsgruppen von Nagetieren über einen Zeitraum von ca. 3 Monaten. Auch hier jeweils mit unterschiedlichen Luftfeuchtigkeiten. Es zeigten sich bei den Versuchsgruppen mit hoher Luftfeuchtigkeit Gelenkschwellungen, Aktivitätsverminderung und verschiedene krankhafte Veränderungen an Lunge, Leber und Darm. Unter dem Mikroskop waren Entzündungsreaktionen wie chronische Arthrose sichtbar.

Die Studienergebnisse denken sich mit den Erfahrungen der Humanmedizin. So können zum Beispiel Durchfall, Arthritis aber auch Depressionen und Autoimmunerkrankungen durch einen erkrankten Darm entstehen. Allerdings wird hier die Krankheitsentstehung aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.

Was hat das ganze mit Erfahrungsmedizin zu tun?

In der chinesische Medizingeschichte finden sich viele verschiedene Ansätze und Erklärungen für die Entstehung von Erkrankungen. Dies gilt auch für die Therapie mit Kräuterrezepturen und Akupunktur.

Ausgehend dem Buch Neijing hat sich die chinesische Medizin über die Jahrtausende weiterentwickelt. Durch unterschiedliche zeitliche Begebenheiten wie Krieg, Hungersnöte und Umweltkatastrophen wurden immer mehr Erfahrungen gesammelt. Erst heute ist es möglich diese nach wissenschaftlichen Standards zu untersuchen. Solange dieser Prozess andauert bietet die Chinesische Medizin darüber hinaus einen breiten Erfahrungshorizont in der Behandlung von Krankheiten, hierbei stand immer der Mensch im Mittelpunkt.

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