Lebensempfehlungen von Li Dong Yuan

Pragmatische Ratschläge eines weisen Arztes

Der Arzt Li Dong Yuan ( 李東垣, 1180 – 1251 n. Chr) erlebte sehr schwerwiegende Umbrüche und Veränderungen in der Geschichte Chinas. Er lebte zur Zeit der Jin-Yuan-Dynastie und war Zeuge wie die damalige Kaiserstadt Kaifeng von der Mongolen belagert und anschließend von einer Typhus Epidemie heimgesucht wurde. Hierbei starben fast eine Million Menschen, was auf Li einen nachhaltigen Eindruck hatte und sein Schaffen als Mediziner prägte.

Als Arzt brachte er es dabei zu außerordentlichem Ruhm. Er galt schon während seines Lebens als einer der besten Ärzte seiner Zeit und zählt heute zu den sogenannten „Vier großen Meistern der Jin-Yuan-Dynastie“.

Vor den Mongolen flüchtend, ließ er sich zum Ende seines Lebens in dem Dorf Zhending nieder und verfasste verschiedene Bücher. Unter den Büchern war auch die „Abhandlung über Milz und Magen“ (Chin. Pi Wei Lun 脾胃論, 1249). Dieses Buch gilt als ein Meilenstein in der Chinesischen Medizin und beinhaltet das gesammelte Wissen von Dong Yuan um die Verdauungsorgane zu behandeln. Die folgenden Empfehlungen stammen aus dem erwähnten Werk und bilden das letzte Kapitel „Methoden zum Nähren und Ordnen von Milz und Magen“ seines Buches. Viele seiner Empfehlungen lassen sich heute in modernen Diät- oder Beratungsbüchern wiederfinden. Li war damit seiner Zeit weit voraus.

Nahrungsempfehlungen

  • Reisbrei, grüne Bohnen, rote Bohnen und fermentierte gesalzene Bohnen sollten nur bei schwacher Miktion gegessen werden.
  • Eingeweichte Nahrung aus Weizen, also die bekannte Nudel, ist dagegen absolut verboten.
  • Viel Salz schädigt den Körper und macht krank.
  • Starke Gewürze wie Knoblauch, Zwiebeln, Pfeffer und Chili, Essig, Zimt und getrockneter Ingwer sollten vermieden werden.
  • Alkohol, zu kalte und zu heiße Nahrung können Erkrankungen verschlimmern
  • Auf die Einnahme von großen Flüssigkeitsmengen sollte verzichtet werden.

Kommentar

Interessant ist, dass Li die Beschränkung bestimmter Nahrungsmittel forderte. Die angesprochenen Gewürze reizen alle die Schleimhaut des Magendarmtraktes und fördern so in geringer Menge die Leistung der Verdauung. In hoher Menge fördern sie allerdings die Säureproduktion im Magen und somit das Risiko einer Magenschleimhautentzündung. Gleiches gilt bekanntermaßen auch für Alkohol.

Die Temperatur der zugeführten Flüssigkeiten beeinflusst die Fortbewegung der Speise durch den Verdauungstrakt. Dies wird als die sogenannte peristaltische Welle bezeichnet. Sind die Flüssigkeiten zu kalt, krampft die Muskulatur des Darms, wohingegen warme Getränke die Muskulatur entspannen.

Die Salzreduktion wird heute ebenfalls von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. empfohlen. Mit knapp 10 Gramm liegt jeder Bundesbürger fast bei dem Doppelten der empfohlenen Menge. Die Gefahr dabei ist eine Erhöhung des Blutdrucks und die daraus entstehenden Folgeerkrankungen.

Nudeln enthalten wie alle Weizenprodukte das Eiweiß Gluten. Dieses kann durch verschiedenen Mechanismen die Darmschleimhaut belasten und zu Entzündungen führen. Insofern wird auch hier durch Verzicht die Darmschleimhaut geschont.

Der oben angesprochene Reisbrei und die Bohnen fördern in der chinesischen Medizin das Wasserlassen. Dies ist allerdings nur sinnvoll, wenn hier Probleme bestehen. Daher sollten diese Nahrungsmittel nur eingeschränkt gegessen werden.

Zusammenfassend empfiehlt Li eine Ernährung welche die Schleimhäute des Magendarm-Traktes schonen und den Flüssigkeitshaushalt des Körpers nicht über die Maße beeinflussen.

Kräuterverbote

  • Alle Kräuter welche die Diurese/das Wasserlassen fördern sind verboten. Einzig bei Miktionshemmung sind sie erlaubt. Zu den Kräutern zählen : Rhizoma Alismatis (Ze Xie), Polyporus umbellatus (Zhu Ling), Poria (Fu Ling), Medulla Junci effusi (Deng Xin), Succinum (Hu Po), Medulla tetrapanacis (Tong Cao), Caulis Akebiae (Mu Tong) und Talcum (Hua Shi).

Kommentar

In diesen Verboten zeigt sich Lis Fokus, auf den Flüssigkeitshaushalt des Körpers besonders acht zu geben. Diese Empfehlungen sind natürlich eher für den Therapeuten interessant. Sie stehen allerdings im Gegensatz zu der schulmedizinischen Anwendung von niedrig dosierten Diuretika, das heißt von Medikamenten, welche das Wasserlassen fördern. Diese Art von Medikamenten wird als Standard in der Behandlung von Bluthochdruck/Hypertonie verwendet. Durch die erhöhte Ausscheidung von Flüssigkeiten wird der Druck in den Blutgefäßen gesenkt. Beachtenswert ist nun Lis vorherige Forderung den Salzkonsum zu reduzieren. Salz bindet Wasser im Gefäßsystem und führt so automatisch zu einem höheren Druck in diesem. Lässt man Salz weg, ist es meist nicht notwendig die Niere künstlich anzuregen.

Empfehlungen für die Rezeptur Einnahme

  • Wenn Rezepturen die Verdauungsorgane regulieren, sollte man dem Magen einen Tag vor der Einnahme Ruhe gönnen. Anschließend werden die Kräuter nüchtern eingenommen. Danach gilt es weitere 10 Tage zu fasten. Ansonsten schadet die Medizin mehr als sie nützt.
    Noch besser wäre es dem Magen 3 Tage vorher Ruhe zu gönnen.

Kommentar

Die Tradition des Fastens, das heißt die Reduktion jeglicher Nahrung zur Gesundung, findet sich im jedem Kulturkreis und in jeder Religion. Es ist daher nicht verwunderlich, das Li dies in der Behandlung des Darms empfiehlt. Durch das Auslassen von fester Nahrung verbraucht der Körper 30% weniger Energie aus dem Stoffwechsel. Diese frei werdenden Kapazitäten kann der Körper nutzen um sich zu regenerieren und Entzündungen zu reduzieren. Dies gilt besonders für die Schleimhaut des Darms. Umso erfreulicher, dass heute das Fasten eine Renaissance erfährt.

Allgemeine Gesundheitspflege

  • Nach dem Baden oder Schwitzen sollte es vermieden werden im Wind zu stehen. Zusätzlich sollten die Poren durch Reiben der Haut verschlossen werden.
  • Ist der Körper bei Sturm und Regen ohne ausreichend Schutz, sollten Bewegungsübungen durchgeführt werden um den Körper zu unterstützen.
  • Je nach Wohnumgebung sollte der Körper ausreichend durch die Kleidung vor dem Wetter geschützt werden.
  • Bei Kurzatmigkeit durch kaltes Wetter und ungenügendem Schutz gegen die Elemente, sollte warmes Wasser auseiner Schüssel inhaliert werden.

Kommentar

Die meisten Empfehlungen haben sich durch die Urbanisierung und den Hausbau relativiert. Allerdings sind sie nach wie vor aktuell. Klimatische, äußere Einflüsse entstehen heute häufig durch Klimaanlagen und lösen nicht selten eine Grippe aus. Auch hier gilt es sich ausreichend, durch die bereits erwähnten Maßnahmen zu schützen. Dies ist heute wunderbar zu beobachten, wenn man sich das Marktpersonal anschaut, wenn sie Waren in die Kühlregale einräumen. Mit dicken Handschuhen und Weste schützen sie sich vor der Kälte, auch wenn draußen 30 °C herrschen.

Li spricht darüber hinaus auch die Inhalation an. Wird diese regelmäßig durchgeführt, ist die Nasenrachenschleimhaut Widerstandsfähiger gegen Viren und Bakterien. Dadurch trägt sie effektiv zum Schutz vor Grippe und anderen Erregern des Nasen- und Rachenbereichs bei.

Schlaf

  • Bei zu starkem Schwitzen aufgrund einer Decke, muss die Decke entfernt werden und die Hautporen durch Reiben verschlossen werden
  • Bei Frieren in der Nacht, sollte eine Decke zusätzlich verwendet werden
  • Bei Hunger vor dem Schlafen, sollte ein wenig gegessen werden
  • Bei Völlerei vor dem Schlafen, ist es notwendig, eine Zeit lang zu laufen oder zu sitzen.

Kommentar

In den Empfehlungen zum Schlaf zeigt sich der ausgeprägte Pragmatismus, welcher Teil der chinesischen Kultur ist. Es braucht nicht immer ein explizites und ausgeprägtes Erklärungsmodell. Auch die kleinen und einfachen Dinge können effektiv sein. Bei bei der genauen Betrachtung wird allerdings deutlich, dass es immer um die Vermeidung von Extremen geht. Ein kleines Gericht vor dem Schlafen ist gut, Völlerei hingegen hinderlich. In der chinesischen Philosophie spricht man daher von dem Ausgleich zwischen Yin und Yang oder Fülle und Leere. Tatsächlich steckt hier aber auch wissenschaftlich etwas dahinter. Bei spät abendlichen Mahlzeiten kurbelt der Körper den Stoffwechsel an. Dies kann Auswirkungen darauf haben, wie erholsam der Schlaf ist. Die Folgen sind bekannt, Müdigkeit und Abgeschlagenheit am Morgen.

Enthaltsamkeit

  • Ruhe und Gelassenheit sollten gepflegt werden
  • Weniger denken und weniger Begehren unterstützen den Geist
  • Wenig Sprechen
  • Überarbeitung vermeiden

Kommentar

Gerade in der heutigen Zeit sind diese Empfehlungen hoch aktuell. Vielleicht sind sie grundsätzlich zeitlos. Die Rückbesinnung und Einkehr oder das Ruhen in sich selbst hat in der Gesundung einen wichtigen Stellenwert. Ebenso zeigt sich hier der Zusammenhang zwischen Körper, Geist und Seele in der Chinesischen Medizin. Diese wurde auch durch den aus Indien kommenden Buddhismus geprägt. Ständiges Begehren führt zur Auszehrung oder macht unglücklich. Die Seele und den Geist hier zu entlasten fördert auch den Körper. Medizinisch würde man von einem parasympathischen Zustand sprechen. Das heißt der Bereich des Nervensystems welcher den Fuß vom Gas nimmt, für Entspannung sorgt ist aktiver als sein Gegenspieler, der Sympathikus. Dadurch arbeitet die Verdauung regelrecht und der Schlaf ist erholsamer.

Dies gilt übrigens auch für spätes Fernsehen. Bei Krimis, Thrillern oder Actionfilmen reagiert der Sympathikus. Mit anderen Worten gerät der Körper künstlich in einen Stresszustand. Das macht natürlich einen wesentlichen Reiz dieser Filme aus, ist allerdings kurz vor dem zu Bett gehen für einen erholsamen Schlaf nicht förderlich.

Der Vollständigkeit halber geht man in der Chinesischen Medizin nicht von der Trennung von Seele, Geist und Körper aus. Empfindung und der Körper wirken zusammen. Ein Begriff der den westlichen Begriffen Seele und Geist am nächsten kommt, ist Shén (神). Dieser hat kulturhistorisch allerdings eine andere Bedeutung. Korrekterweise bezeichnet Shén Bewußtheit. Sich seiner selbst Bewusst zu sein und im Hier und Jetzt verankert zu sein sind wesentliche Aspekte. Das Sinnbild für Shén ist dabei ein klarer Bergsee. Dieser nimmt alles auf, spiegelt alles und kommt immer wieder zur Ruhe. Aus dieser Position heraus sind in der Chinesischen Medizin Emotionen eine Reaktion von Shén auf die Umwelt eine rein rezeptive/aufnehmende Handlung. Die Verknüpfung zwischen Außen und Innen wird dadurch gefördert. Die Seele und der Geist in der westlichen Kultur sind daher nicht mit dem chinesischen Begriff Shén gleichzusetzen. Der Vergleich gilt nur einer Kontextualisierung, zeigt aber einen wesentlichen Aspekt der Chinesischen Medizin auf. Durch den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Körper, Seele und Geist hat die Behandlung des Körpers auch unmittelbar Auswirkungen auf das emotionale Empfinden. Dies gilt auch im Umkehrschluss.

Sprechen

  • Ermahnung zur sparsamen Anwendung der Sprache um den Geist zu nähren.

Kommentar

Mit dieser Empfehlung schließt Li sein letztes Werk welches er kurz vor seinem Tod verfasste. Die darin enthaltene Aufforderung zur Reflektion und Einkehr ist daher nachvollziehbar. Allerdings ist diese Ermahnung in Zeiten von Twitter und Co hoch aktuell. Die Besinnung darauf, was wesentlich ist, auch in der Sprache, wäre häufig sinnvoll.

Darüber hinaus bezog sich Li auf einen ganz körperlichen Aspekt des Sprechens. Viel Sprechen ist unglaublich anstrengend für den Körper. Bewusstes Sprechen hilft dem Körper Energie für andere Aspekte bereit zu haben. Damit Enden die Lebensempfehlungen eines der berühmtesten Ärzte der Chinesischen Medizin.

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