Was sind denn eigentlich die Leitbahnen

Die Leitbahnen als Grundlage der chinesischen Medizin und Akupunktur

Wer sich als Therapeut oder als Klient mit der Akupunktur beschäftigt kommt um die Leitbahnen nicht drum herum. Doch was sind diese Leitbahnen eigentlich? Mehr im Folgenden:

Die Leitbahnen sind ein – der chinesischen Medizin – eigenes Konzept, welches sowohl für die Physiologie, als auch die Entstehung von Erkrankungen und deren Behandlung wichtig ist. Die Leitbahnen (stellenweise auch als Meridiane bezeichnet) sind dabei ein System, das Körperbereiche vernetzt und zu einem ganzheitlichen Organismus zusammenfügt. Auf den Leitbahnen liegen außerdem die meisten der verwendeten Akupunkturpunkte. Insofern ist es ein grundlegendes Konzept, welchem aber bisher aus Sicht der Humanmedizin eine anatomische Entsprechung fehlt.

Welche Aufgabe erfüllen die Leitbahnen

Um zu verdeutlichen, welche Funktion die Leitbahnen haben, ist eine Analogie hilfreich: Auf der Erde existieren Klimazonen. Diese erstrecken sich in Ost-West-Richtung gürtelförmig um die Erdkugel und haben unterschiedliche klimatische Begebenheiten.

Eine dieser Klimazonen ist beispielsweise die subtropische Klimazone. Dieser werden Länder am Mittelmeerraum, Südafrika, Südwestaustralien und einige weitere zugeordnet. Obwohl es sich hier um kulturell unterschiedliche Länder handelt, werden sie – da sie ein ähnliches Klima aufweisen – unter dem Begriff der erwähnten subtropischen Klimazone zusammengefasst.

Eine flächige Darstellung zeigt die subtropische Klimazone der Erde.

Bei den Leitbahnen ist es dabei ähnlich. Eine Leitbahn fasst Bereiche am Körper zusammen, die Gemeinsamkeiten besitzen und dennoch sehr unterschiedlich sein können. Eine entscheidende Gemeinsamkeit kann beispielsweise sein, dass die Akupunkturpunkte verschiedener Körperareale Einfluss auf die Verdauung haben. Alle diese Akupunkturpunkte bilden zusammen die Magen-Leitbahn und können am Kopf oder dem Thorax liegen aber auch am Ober- und Unterschenkel.

Für jedes der inneren Organe gibt es eine Leitbahn. Deren Verlauf ist dabei am Körper von den Fingern und Zehen zum Rumpf oder Kopf. Dies ist ein Unterschied zu den Klimazonen welche horizontal um die Erdkugel orientiert sind.

Die Leitbahnen haben eine große funktionale Schnittmenge mit den Blutgefäßen, gehen aber darüber hinaus.

Häufig werden Leitbahnen zur Vereinfachung als eine Linie auf dem Körper dargestellt. Dieses Bild ähnelt der Ausrichtung des menschlichen Nerven- und Blutsystems, sollte allerdings nicht mit ihm gleichgesetzt werden.

Eine Figur mit den Leitbahnen der chinesischen Medizin.

Haben die Leitbahnen eine anatomische Struktur

Bisher ging die Humanmedizin davon aus, dass es keine anatomische Entsprechung der Leitbahnen im menschlichen Körper gibt, zumindest nicht in dem Sinne der Nerven oder Gefäße. Allerdings gab es im Jahre 2018 diesbezüglich eine bahnbrechende Veröffentlichung in der Zeitschrift Scientific Reports von Benias et. al. Um die Tragweite dieser wissenschaftlichen Arbeit zu erfassen ist es vorher sinnvoll, die Leitbahnen im Sinne der chinesischen Medizin zu definieren. Hierfür ist es notwendig, die traditionellen chinesischen Zeichen zu betrachten. Einige dieser Zeichen sind dabei Piktogramme, das heißt bildliche Darstellungen einer Struktur, andere sind hingegen einfach abstrakt. Die meisten der Zeichen sind dabei auf vielen einzelnen Zeichen zusammengesetzt und beschreiben so das kulturelle Verständnis eines Begriffs.

Der chinesische Begriff für die Leitbahnen oder Meridiane ist Jing Luo (經絡). Das bedeutet so viel wie Wasserkanal (Jing 經) und Netz (Luo 絡). Dabei können beide Schriftzeichen weiter in ihre Bestandteile differenziert werden, wodurch sich eine tiefere Sinnebene erschließt.

Jing 經

Nomen: Kette, Leitbahn, Längengrad, Klassiker

Verb: Managen, Hindurchgehen

Adjektiv: Konstant

 

Bestandteile des Zeichens:

糹- Seide

巠 – unterirdischer Wasserlauf

Luo 絡

Nomen: Netz

Verb: etwas halten

 

Bestandteile des Zeichens:

糹- Seide

夂 – gehen

口 – Eingang

In der Betrachtung der einzelnen Zuordnungen zeigt sich, dass die Leitbahnen sehr fein sind (wie Seide), dass sie einem unterirdischen Wasserverlauf gleichen und in ihnen etwas (vermutlich Wasser) ein- und ausgehen kann. Sie gleichen dabei einem Netz.

Die Leitbahnen sind so fein wie ein einzelner Seidenfaden.
Die Leitbahnen verlaufen innerhalb des Körpers wie ein unterirdischer Wasserlauf in einer Höhle.
Die Leitbahnen gleichen einem Netz.

Da, wie oben erwähnt, auch die Akupunkturpunkte ein wesentlicher Bestandteil der Leitbahnen sind, sollten auch die Schriftzeichen für einen Akupunkturpunkt betrachtet werden. Im Chinesischen werden diese meist mit den Schriftzeichen Shu Xue (腧穴) beschrieben.

Shu (腧) beschreibt eine wasserartige Bewegung, was ein Hinweis auf die Charakteristik der Akupunkturpunkte ist. Das Schriftzeichen Xue (穴) bezeichnet einen ausgegrabenen Hohlraum, einen geschützten Platz, was sich auf die physische Struktur der Punkte bezieht. Sie sind also Lücken im Gewebe, in welchen eine wasserartige Bewegung stattfindet.

Shu 腧

Bestandteile des Zeichens:

⺼/ 肉–Rou – Fleisch

亼–jí – versammeln

•    人 Ren – Mensch

•    一 Yi – Eins

刖 – yuè – Beide Füße amputieren

•    ⺼–Rou – Fleisch

•  刂–dāo – Messer

Xue 穴

穴 – Höhle

In der Betrachtung der einzelnen Bestandteile zeigt sich ferner, dass im ersten Begriff Shu (腧) das Zeichen Rou (⺼/ 肉) welches für Fleisch steht, enthalten ist. Dieses Zeichen zeigt an, dass es sich um eine organische Struktur handelt. Demnach haben in der chinesischen Medizin die Leitbahnen einen anatomischen Anteil.

Doch warum hat man bisher diese anatomische Struktur nicht im Körper finden können? Eine Antwort bietet die oben angesprochenen wissenschaftliche Arbeit von Benais et. al. (2018).

Ein neues Organ

Das Jahr 2018 war ein spannendes Wissenschaftsjahr, so zumindest die damaligen Schlagzeilen, denn es wurde ein neues Organ im Körper gefunden. Dazu veröffentlichte das Autoren Team um Benais des Mount Sinai Beth Israel Medical Center eine Studie in der Fachzeitschrift Scientific Reports. Die Veröffentlichung hatte den Titel Aufbau und Verlauf eines unbekannten Zwischenraums im menschlichen Gewebe. Die Autoren waren während ihrer Untersuchungen auf einen bisher unbekannten flüssigkeitsgefüllten Spalt im menschlichen Bindegewebe gestoßen, welcher vorher nicht ersichtlich war. Dazu schrieben sie:

Das Einfrieren von Biopsiegewebe vor der Fixierung bewahrte die Anatomie dieser Struktur, und zeigte, dass es Teil der Submukosa und ein bisher unbeachteter flüssigkeitsgefüllter Zwischenraum ist, mit Abfluss zu Lymphknoten und unterstützt durch ein komplexes Netzwerk aus dicken Kollagenbündeln… Wir beobachteten ähnliche Strukturen in zahlreichen Gewebearten, die auf wechselnde oder rhythmische Kompression reagieren, einschließlich der Submucosae des gesamten Magen-Darm-Traktes und Harnblase, der Lederhaut, des peribronchialen und periarteriellen Bindegewebes, und der Faszien. Diese anatomischen Strukturen könnten wichtig sein bei Krebsmetastasen, Ödemen, Fibrose und der mechanischen Funktion von vielen oder allen Gewebearten und den Organen. Wir beschreiben die Anatomie und Histologie von einem zuvor nicht erkannten, obwohl weit verbreitet, makroskopisch, flüssigkeitsgefüllt Raum in und zwischen dem Gewebe, es ist eine neue Erweiterung und Präzisierung des Konzepts des menschlichen Interstitiums (Zwischenraums).

Bisher war der beschriebene flüssigkeitsgefüllte Raum bei klassischen Gewebsuntersuchungen nicht sichtbar, da bei mikroskopischen Gewebeschnitten zunächst die Flüssigkeit entzogen wurde. Dadurch kollabierte der Raum und war nicht mehr existent. Soviel zu der technischen Seite. Die Funktion dieses Raums ist es Flüssigkeiten zwischen den Zellen und den Geweben des Körpers auszutauschen, so die Vermutung.

Was sagt die chinesische Medizin zu dem neuen Organ

Die Funktion des unbekannte Zwischenraums Flüssigkeiten im gesamten Körper ähnlich wie ein unterirdischer Wasserlauf und Netz zu verteilen, kommt der Beschreibung der Leitbahnen sehr nahe. Dazu schrieb der Begründer der Leitbahntherapie Dr. Wang Ju-Yi schon im Jahr 2010 über die Leitbahnen (also acht Jahre vor dem Erscheinen der genannten Studie!):

Die Leitbahnen sind anatomisch. Sie sind im Bereich normaler physiologischer Prozesse zu finden und bei abnormaler Funktion auch eng mit der Pathologie verbunden. Es wäre jedoch ein Fehler, die Leitbahnen als eine einzige anatomische Einheit zu betrachten, wie wir sie in einem anatomischen Atlas sehen. Besser können die Leitbahnen als ein System verstanden werden, das die regelmäßige Bewegung dessen beinhaltet, was wir allgemein als „Gewebsflüssigkeiten“ bezeichnen könnten, und die funktionelle Bedeutung dieser Flüssigkeiten im menschlichen Körper. Alle Organe haben eine enge Beziehung zu dem wässrigen Milieu, in dem sie funktionieren. Wenn wir also die Leitbahnen als Beschreibungen der Zirkulation und Funktion von Flüssigkeiten betrachten, bewegt sich das Konzept der Leitbahnen in den Kern der „ganzheitlichen“ Vision, die das chinesische medizinische Denken charakterisiert. Mit anderen Worten, die einzigartige Betrachtung eines separaten Flüssigkeitssystems mit eigenen definierten Kreislaufeigenschaften und physiologischen Funktionen ist die große Entdeckung der alten chinesischen medizinischen Wissenschaft.

Aus dieser Betrachtung heraus ist es nicht verwunderlich, dass Wissenschaftler wie Helen Langevin in verschiedenen Studien den Zusammenhang zwischen den Leitbahnen und dem Bindegewebe herausgearbeitet haben. Auch die Ärztin Arya Nilsen in ihrem Buch über die Therapiemethode Gua Sha oder der Faszientherapeut Thomas Meyer in dem Buch Anatomy Trains beschäftigen sich hiermit.

Tatsächlich ist dieser anscheinend in der chinesischen Medizin doch nicht so neue Raum entsprechend des sogenannten Pischinger Raums. Dieser ist die Grundlage für das, was als Entgiftung in der Naturheilkunde neuerdings auch als Detox bezeichnet wird. Es geht dabei um den Raum zwischen den Zellen, welcher mit Gewebswasser gefüllt ist und den gesamten Körper durchzieht . Insofern schließt sich hier der Kreis.

Die Naturheilkunde, als auch die chinesische Medizin hat ein ganzheitliches Verständnis des Körpers. In der Beschreibung des Körpers nutzen sie dabei die ihrer Medizin eigenen Begrifflichkeiten.  In der chinesischen Medizin beispielsweise die Leitbahnen. Auch wenn die Entdeckung des unbekannten Zwischenraums im menschlichen Gewebe dabei eine mögliche Erklärung für die Leitbahnen liefert, sind beide Begrifflichkeiten trotzdem nicht gleichzusetzen, wohl aber eine sehr passende Analogie.